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E-Mobilität und autonomes Fahren – eine Chance für die Zukunft?

Spannende Einblicke in die Zukunft der Elektromobilität und des autonomen Fahrens hat die Jahresveranstaltung des Vereins Leopoldina Akademie Freundeskreis gegeben. Bei einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion in der Rathausdiele wurde deutlich: Die Herausforderungen sind riesig, nicht nur auf dem Feld der Wissenschaften.

web LAF Jahresveranstaltung Schweinfurt 2017 - Foto (c) Stefan Pfister (1)Zum dritten Mal nach 2009 und 2013 hatte der Freundeskreis der Leopoldina Akademie, der am heutigen Sitz der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Halle/Saale ansässig ist, seine Mitglieder zu seiner Jahresveranstaltung nach Schweinfurt eingeladen. Die Leopoldina Akademie wurde 1652 von Johann Lorenz Bausch und drei weiteren Ärzten in Schweinfurt gegründet. Seit 2007 existiert der Leopoldina Akademie Freundeskreis, der Wissenschaft und Forschung der Leopoldina fördert. Der Vorsitzende des Freundeskreis-Vorstandes, Dr.-Ing. Horst Dietz, dankte in seinem Grußwort bei der öffentlichen Jahresveranstaltung am 9. November 2017 ausdrücklich allen Spendern und Mitgliedern für ihre Unterstützung.

Welche Herausforderungen der Forschung noch bevorstehen, zeigte die Podiumsdiskussion eindrucksvoll auf. Im Mittelpunkt standen die aktuellen Themen Elektromobilität, autonomes Fahren und Digitalisierung. Mit dem Präsidenten des renommierten Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), Prof. Dr.-Ing. Holger web LAF Jahresveranstaltung Schweinfurt 2017 - Foto (c) Stefan Pfister (11)Hanselka, hatte man einen ausgewiesenen Experten eingeladen, der die Zuhörer einleitend mit den „Beiträgen der Wissenschaft auf dem Gebiet der Elektromobilität" zum Thema führte. Nicht nur die Forschung, auch die Praxis war bei der Diskussion vertreten: Dr. Stephan Demmerer, Leiter der Produktstrategie für Elektromobilität bei der ZF Friedrichshafen AG in Schweinfurt, gab ebenfalls einen kurzen Einblick zum Stand der E-Mobilität in seinem Unternehmen.

Aktuell befinden sich die Mobilität von heute und morgen in einem „Spannungsfeld“, wie es Prof. Dr. Ralf Wehrspohn vom Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen IMWS Halle, der die Diskussion fachkundig moderierte, nannte – zwischen der Ansage der Bundeskanzlerin, bis 2020 eine Million E-Autos auf deutsche Straßen zu bringen, einerseits und der Prognose der Erdölexportierenden Länder (OPEC) andererseits, die bis 2040 von einer Verdopplung von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren weltweit ausgehen. Dazwischen steht das Pariser Klimaschutzabkommen von 2015, das eine Verminderung web LAF Jahresveranstaltung Schweinfurt 2017 - Foto (c) Stefan Pfister (38)von schädlichen Emissionen vorsieht, um den Klimawandel abzuschwächen, sowie der jüngste Beschluss der EU-Kommission, dass Autohersteller den CO2-Ausstoß von Neuwagen bis zum Jahr 2030 um 30 Prozent verringern sollen, allerdings ohne eine verbindliche Quote von Elektroautos.

Laut Prof. Hanselka, der die verschiedenen Antriebskonzepte – vom Verbrenner über Plug-In-Hybrid bis Wasserstoffzelle – vorstellte, gibt es noch viele ungeklärte Fragen rund um die E-Mobilität. Ein Beispiel: die unterschiedlich langen Lebenszyklen der Infrastruktur (ca. 30 Jahre), des E-Autos (10 Jahre), der Batterie (6-10 Jahre) und der Software (1-2 Jahre). Dieser Spannungsraum könne von der Forschung kaum einzeln gelöst werden, sondern nur unter einer „gesamtsystemischen Betrachtung“ erfolgen. Ein ganz anderer Aspekt, der Wissenschaft, Politik und Gesellschaft gleichermaßen betrifft: Sie alle müssten sich fragen, ob man den problematischen Abbau der für Batterien nötigen Rohstoffe wie Lithium oder Kobalt unter teils unmenschlichen und gesundheitsgefährdenden Bedingungen überhaupt gut heiße, wenn man E-Mobilität forciere. Wichtig sei auch, in stärkere und „intelligentere“ Stromnetze zu investieren, die den Belastungen der immer weiter steigenden Mengen an Strom aus regenerativen Energien stand hielten.

web LAF Jahresveranstaltung Schweinfurt 2017 - Foto (c) Stefan Pfister (30)Das E-Auto sieht der KIT-Präsident gleichwohl als „Chance für die Zukunft“; aber – auch das gab er zu bedenken – die Ökobilanz bei der Produktion sei zumindest anfangs schlechter als beim „Verbrenner“. Sinn ergebe die Umstellung auf Elektrifizierung auch nur, wenn Strom fürs Fahren CO2-neutral hergestellt wird. Eine weitere Herausforderung: Es gibt nur wenig Know-how bei der Batterietechnologie in Deutschland. Das KIT sei einer der ganz wenigen Hotspots. Totale Fehlanzeige herrscht hierzulande bei der Batterie-Produktion. Dr. Demmerer von ZF räumte ein, dass dies auch in seinem Unternehmen als zu teuer angesehen werde. Eine Herausforderung für den Erfolg der Elektromobilität sieht Hanselka besonders bei drei Aspekten: Kaufpreis, Lebensdauer und Langstreckentauglichkeit. Vielleicht müsse man auch über neue Nutzungsmodelle nachdenken, Stichwort „Shared mobility“. „Es wird sich zeigen, ob wir die Kraft und den Mut für das alles in Zukunft haben werden“, sagte er.

web LAF Jahresveranstaltung Schweinfurt 2017 - Foto (c) Stefan Pfister (5)„Wie kommen wir gut hinüber in die schöne Welt der E-Mobilität“, hatte Dr. Demmerer (ZF) seinen Vortrag überschrieben und die Sicht der Industrie aufgezeigt. Während in Norwegen bereits 29 Prozent der Autos mit E-Antrieb unterwegs sind, sei das Thema bei uns noch nicht angekommen. Die Quote E-Auto am Gesamtfahrzeuganteil liegt bundesweit bei aktuell 0,75 Prozent. In der Stadt Schweinfurt sind unter den rund 46.000 zugelassenen Autos nur 71 reine Elektroautos und 150 Plug-In-Hybridfahrzeuge. Diese Zahlen hatte Bürgermeisterin Sorya Lippert eingangs in ihrer Begrüßungsrede genannt.

Jan von Lackum, in der Schweinfurter Stadtverwaltung zuständiger Leiter des Referats für öffentliche Sicherheit und Ordnung, berichtete, dass man mittlerweile vier E-Fahrzeuge im Fuhrpark habe, weitere sind bei städtischen Tochtergesellschaften im Einsatz. Er verwies auf die Vorbildfunktion der Stadt Schweinfurt in dieser Hinsicht. „Diese müssen wir wahrnehmen, trotz der hohen Anschaffungskosten.“

web LAF Jahresveranstaltung Schweinfurt 2017 - Foto (c) Stefan Pfister (28)Bei ZF sieht man enormes Potential für E-Motoren. Seit neun Jahren baut das Unternehmen erfolgreich Hybridantriebe in Serie. 2015 hat ZF seine E-Mobility-Division in Schweinfurt gebündelt und investiert seitdem erheblich am Standort. Aber, damit einhergehend wird die neue Technik für Verwerfungen in den Produktionsabläufen sorgen: Denn im Gegensatz zu Verbrennungsmotoren besitzen rein elektrisch angetriebene Fahrzeuge keine Kupplung mehr und kein Schaltgetriebe, auch Abgasanlagen oder die Einspritzpumpen beim Diesel sind überflüssig. Während also in einem herkömmlichen Acht-Zylinder-Auto heute rund 1200 Teile verbaut werden, sind es beim elektrischen Antrieb nur noch 17 (!) Komponenten. „Das alles wird extreme Auswirkungen auch auf die Arbeitsplätze haben“, warnte der ZF-Fachmann und verwies auf dahingehende Aussagen bei BMW.

web LAF Jahresveranstaltung Schweinfurt 2017 - Foto (c) Stefan Pfister (29)Trotz vieler ungeklärter Fragen: Für die Experten aus Forschung und Industrie liegen die Vorteile einer Elektrifizierung der Fahrzeugwelt auf der Hand: weniger Lärm, weniger Feinstaub und weniger Kohlendioxidausstoß in die Umwelt. Auch bei Stadtbussen sei der Hybrid sinnvoll. Beim Lkw steht man jedoch noch vor erheblichen Herausforderungen: „Da muss man wohl einen Extra-Batterie-Anhänger anhängen“, erklärte Dr. Demmerer leicht schmunzelnd und bemühte ein in der Branche beliebtes Zitat. „Der letzte Tropfen Diesel wird in einem Lkw-Tank verbraucht.“

Eine ebenso große Veränderung im Verkehr stellt das Autonome Fahren dar. Bereits heute erreichen solche Autos den Level 2 von 6 Levels. Stufe 3 – also vollautonomes Fahren auf Autobahnen mit zehn Sekunden Reaktionszeit, bevor der Fahrer wieder eingreifen muss, stehe kurz vor der Einführung, berichtete Prof. Wehrspohn. Die vier Experten diskutierten, welche Herausforderungen sich daraus für Städte, Sicherheitsorgane, Unternehmen und Autofahrer ergeben. Für Jan von Lackum ist Vieles noch Zukunftsmusik. Als besonders wichtig erachtet er, neben den technischen auch die ethischen Fragen vorab zu klären. Die Stadt Schweinfurt stehe später gerne für Vorreiterprojekte bereit, auch gemeinsam mit der heimischen Industrie.

web LAF Jahresveranstaltung Schweinfurt 2017 - Foto (c) Stefan Pfister (6)Der Leiter der örtlichen Polizeiinspektion, Martin Wilhelm, verbindet mit dieser neuen Mobilitätsmöglichkeit vorrangig einen Sicherheitsgewinn und hofft auf Erfüllung der bereits heute bestehenden „Vision zero“ der Polizei - das Zeitalter ohne Unfälle und Verkehrstoten. Die Polizei habe bereits begonnen, so Wilhelm weiter, intern neue Strukturen für diese Zeit aufzubauen. Im Zusammenspiel mit dem vernetzten Fahren kann er sich gut vorstellen, dass es zudem weniger Staus und einen besseren Verkehrsfluss geben wird.

Auch für die Unternehmen und Wissenschaft ist das Autonome Fahren ein weiteres wichtiges Zukunftsthema. Man stehe besonders vor Herausforderungen im technischen Bereich, sagte Dr. Demmerer von ZF, warb aber eindringlich dafür, der neuen Technik positiv gegenüberzustehen. „Wir sind technologisch vorne dabei“, stellte er zufrieden fest und appellierte zugleich an die Politik, sich dem Fortschritt nicht zu verschließen und für die rechtlichen Rahmenbedingungen zu sorgen, um web LAF Jahresveranstaltung Schweinfurt 2017 - Foto (c) Stefan Pfister (43)nicht auch hier noch den Anschluss zu verpassen, wie schon bei den Batterien. Prof. Hanselka, dessen Karlsruher Institut ebenfalls führend auf diesem Gebiet ist, zeigte sich zwar grundsätzlich optimistisch, warnte aber vor allzu schnellen Erfolgen bei der künstlichen Intelligenz. Sie sei kein einfaches und dazu noch ein riesiges Forschungsgebiet. „Probieren Sie mal mit einem Schachcomputer Mühle zu spielen.“

Nicht außen vor lassen in der Gesamtbetrachtung, ergänzte Martin Wilhelm, dürfe man die emotionale Bindung der Menschen zum Auto. „Wie viel Kontrollverlust lasse ich zu? Und will ich wirklich nur noch Beifahrer sein?“, fragte der Polizeidirektor in die Runde. Seine rhetorische Frage zum Abschluss der Diskussion lautete: „Beim schlechten Fahrer kann ich vielleicht noch eingreifen, aber wie ist das bei einem schlechten Computer?“

(Text und Fotos (c): Pressebüro Stefan Pfister)

Mehr Informationen zum Leopoldina Akademie Freundeskreis e.V.:
https://www.freundeskreis-leopoldina.de/startseite/externer Link


Bildbeschreibungen  (alle Fotos Copyright: Pressebüro Stefan Pfister)

1.) (Miniaturbild) Prof. Dr.-Ing. Holger Hanselka, Präsident Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
2.) Vorstand Leopoldina Akademie Freundeskreis e.V.
3.) Dr.-Ing. Horst Dietz, Vorsitzender Vorstand Leopoldina Akademie Freundeskreis e.V.
4.) Martin Wilhelm (Leiter Polizeiinspektion Schweinfurt, links) und Prof. Dr.-Ing. Holger Hanselka (KIT, rechts)
5.) Podiumsdiskussion mit (von links nach rechts): Martin Wilhelm, Prof. Dr.-Ing. Holger Hanselka, Moderator Dr. Ralf Wehrspohn (Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen IMWS Halle), Dr. Stephan Demmerer (Leiter der Produktstrategie für Elektromobilität bei der ZF Friedrichshafen AG in Schweinfurt) und Jan von Lackum (Leiter des Referats für öffentliche Sicherheit und Ordnung der Stadt Schweinfurt)
6.) Sorya Lippert, Bürgermeisterin der Stadt Schweinfurt
7.) Dr. Stephan Demmerer (ZF)
8.) Jan von Lackum (Referent Stadt Schweinfurt)
9./10.) Zuhörer in der Rathausdiele


 

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