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Rathaus (Foto: Andreas Hub)BürgerserviceRathausRathaustreppe

OB Remelé: „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen“

Ein Wechsel an der Spitze der Verwaltung und finanzielle Unwägbarkeiten prägten das Jahr 2010 aus Sicht der Stadt Schweinfurt. Nach dem Ausscheiden von Gudrun Grieser übernahm Sebastian Remelé das Amt des Oberbürgermeisters. Im Interview  spricht er ausführlich über seine neue Aufgabe, die nicht nur beruflich, sondern auch privat eine große Herausforderung darstellt, und die ersten Monate im Dienst. Zugleich äußert sich Remelé auch über die Herausforderungen im kommenden Jahr sowie seine mittelfristigen Ziele.

Sie sind seit fast acht Monaten im Amt. Wie haben Sie sich im OB-Amt eingewöhnt?
Sebastian Remelé: Ich wurde ohne große Eingewöhnungsphase ins kalte Wasser geworfen. Ich hatte gleich am 1. Mai meinen ersten Arbeitstag, mit dem Aufmarsch der Neonazis sowie der Gegenbewegung mit Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. Und danach nahm ich sofort die Verwaltungstätigkeit auf. Ich bin jedoch überrascht, wie viel Freude mir das alles macht. Ich OB-Jahresinterview 2010 (5)sage immer: Ich gehe gerne ins Rathaus. Ich stoße hier wirklich auf hilfsbereite und kompetente Mitarbeiter. So meine ich, einen guten Start gehabt zu haben.

Was sind die größten Unterschiede zu Ihrer früheren Tätigkeit als Rechtsanwalt?
Sebastian Remelé: Zunächst möchte ich die Gemeinsamkeiten ansprechen, die es durchaus gibt. So ist der Anwaltsberuf keine schlechte Vorbereitung. Beide Berufe verlangen eine hohe Kompetenz in der Problemanalyse, Moderation und Entscheidungsfindung. Ganz anders ist allerdings der Faktor Zeit. Früher konnte ich mich mit einem Fall mehrere Stunden befassen. Jetzt ist die Terminfülle und Terminvielfalt eine ganz andere. Man muss leider bereit sein, die Dinge in wesentlich konzentrierter Form abzuhandeln als früher. Deshalb muss ich mich auf mein Team verlassen können. Dabei bin ich sehr positiv angetan von der Zuarbeit, Loyalität und dem Einsatz meiner Mitarbeiter.

Das heißt, dass Sie als Neuer gut im Rathaus aufgenommen wurden?
Sebastian Remelé: Ja, das ist richtig. Verwaltungsarbeit ist nun einmal Teamarbeit. Da ich bereits Mitglied des Stadtrates war, fiel es mir etwas OB-Jahresinterview 2010 (13)leichter, weil ich die Referenten und den einen oder anderen Amtsleiter schon kannte.

Sie sind in der Öffentlichkeit sehr präsent und nehmen viele Termine wahr. Wie viele Stunden kommen in der Woche zusammen und bleibt da noch Zeit für die Familie?
Sebastian Remelé: Neu für mich ist die Arbeit am Wochenende. Der Samstag ist ein normaler Arbeitstag, der häufig bis in die Abendstunden reicht. Sonntags stehen zumeist mehrere Repräsentationstermine auf dem Programm. 60 bis 70 Wochenstunden sind daher eher die Regel als die Ausnahme. Wobei ich nicht alles als Arbeit empfinde. Es sind ja auch sehr  sympathische Termine dabei, zu denen ich manchmal die Familie mitnehme.

OB-Jahresinterview 2010 (2)Sie treffen viele Bürger und Anfragen sowie Begehrlichkeiten gibt es allerorten. Wie fließen diese in Ihre täglich Politik und Arbeit mit ein?
Sebastian Remelé: Natürlich gab es Anfragen. Aber ich habe mich nie in der Situation gefühlt, dass man versucht, meine Unerfahrenheit auszunutzen. Ich sage auch niemals sofort zu, verfahre stattdessen immer so, dass ich mich zunächst mit meiner Verwaltung rückkopple. Zudem lasse ich prüfen, ob eventuell ein Änderungsbedarf vorhanden ist. Ich vermeide aber Hoffnungen zu wecken, besonders dann, wenn die bisherige Praxis sinnvoll war.

Zu Beginn ihrer Amtszeit bereitete die finanzielle Situation große Sorge, noch bedingt durch die Wirtschaftskrise. Wie geht man damit um?
Sebastian Remelé: Besonders schwierig war, das Ausmaß der Krise einzuschätzen. Gerade für Schweinfurt als den bedeutenden Industriestandort Nordbayerns war die Gefahr groß, dass die Gewerbesteuer – von der wir fast ausschließlich leben – einbrechen würde. Im Nachhinein muss ich deutlich sagen: Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen. Es gab sogar eine große Nachzahlung eines Betriebes. Jetzt verspüre ich bei allen Besuchen, insbesondere in der Großindustrie, einen deutlichen Optimismus. Es werden teilweise Mitarbeiter eingestellt, teils Produktionslinien ausgeweitet. Ich OB-Jahresinterview 2010 (8)bin für 2011 zuversichtlich, dass sich die Stadt in punkto Finanzen auf mittlerem bis gutem Niveau stabilisieren wird.

Der Haushalt 2011 ist keiner, der große Sprünge erlaubt, von dem viele andere Städte aber nur träumen dürfen: Es gibt keine Kürzungen und auch kleinere Investitionen sind möglich.
Sebastian Remelé: Wir haben im Vergleich zu anderen Kommunen eine stabile Situation, das muss man ganz klar anerkennen. Ich bin kein Schwarzmaler, ich versuche aber Realist zu bleiben. Wir müssen seit Jahren wieder in die Neuverschuldung gehen, nachdem wir nahezu schuldenfrei waren. Zudem wird die Ausgabenseite durch leicht wachsende Personalkosten und – das bereitet mir besondere Sorge – ständig steigende Sozialausgaben belastet. Daher wird sich für die Stadt Schweinfurt die finanzielle Situation nie so entspannen, wie man sich das als Oberbürgermeister vielleicht wünscht. Und wir ernähren uns von der Gewerbesteuer, die im Gegensatz zur Einkommenssteuer eine wenig solide, gleichbleibende Einnahme ist. Insofern können wir in Schweinfurt die Verhältnisse nur kurzfristig einschätzen.

Richtfest 2. Campus (2)Die Stadt hat ihre strukturellen Schwächen minimiert, auch durch Gewerbeansiedlungen außerhalb des industriellen Sektors. Welche Akzente setzen Sie in der Wirtschaftsförderung?
Sebastian Remelé: Wir müssen immer wieder versuchen, neue Standbeine zu finden. Neben der bereits begonnenen Ausweitung des Dienstleistungssektors gilt der Fokus nun auch dem Bildungsbereich – man denke hier nur an den zweiten Campus der Hochschule für angewandte Wissenschaften Fachhochschule Würzburg - Schweinfurt, der 2011 eröffnet wird. Einen weiteren wichtigen Aspekt stellt der Gesundheitsbereich dar: Der neue Gesundheitspark bietet großes Entwicklungspotential; erstens vor dem Hintergrund, dass die Menschen immer älter werden, zweitens, weil sich das Leopoldina-Krankenhaus nur mit einer bestimmten Größe am Markt behaupten kann.

OB-Jahresinterview 2010 (9)Welchen Stellenwert genießt die Kultur in finanziell eher schwierigeren Zeiten?
Sebastian Remelé: Rein finanziell betrachtet ist Kultur defizitär. Andererseits ist Kultur Lebensqualität. Ich denke, dass wir diesen Bereich, ebenso wie den Sport, immer im Blick haben müssen. Die Leistung meiner Vorgängerin Gudrun Grieser ist für mich Verpflichtung, das Erreichte beizubehalten. Natürlich wird es schwierig, weitere große Projekte zu schultern. Aber man darf auch die breite Vielfalt der so genannten kleinen Kultur in Schweinfurt nicht vergessen. Vielleicht wird man künftig stärker den Fokus darauf legen. Ansonsten ist die Stadt, gemessen an ihrer Einwohnerzahl, kulturell ein Riese – und den gilt es zu erhalten.

Haushalt 2011 - Stadtrat (1)Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit mit dem Stadtrat seit ihrem „Aufstieg“ vom Stadtratsmitglied zum doch recht jungen Oberbürgermeister?
Sebastian Remelé: Es ist schon ein erheblicher Unterschied, ob man ein einfaches Mitglied ist oder dem Stadtrat vorsteht. Ich habe aber den Eindruck, gerade weil die Kollegen mich schon kannten, dass der Bruch nicht so fürchterlich groß war, so dass man mich trotz meiner relativ jungen Jahre akzeptiert. Die Zusammenarbeit schätze ich als sehr sachlich ein, und sie war aus meiner Sicht bislang von gegenseitiger Sympathie getragen. Was mein Alter angeht, da verweise ich gerne auf den damals noch jüngeren Oberbürgermeister Kurt Petzold und meine unwesentlich ältere Vorgängerin Gudrun Grieser.

OB-Jahresinterview 2010 (7)Wie fällt Ihre Gesamtbilanz nach knapp acht Monaten im Amt aus?
Sebastian Remelé: Wichtig war mir in den ersten Monaten meiner Amtszeit, einen Überblick zu bekommen und meine Mitarbeiter kennenzulernen. Ich habe auch Maßnahmen umgesetzt, zwar kleine Dinge, aber die der Bürger spürt: die Installierung eines Integrationsbeauftragten, den Ausbau des ÖPNV durch Anbindung der Maininsel und die Einführung der Familienkarte im Silvana-Bad. Ansonsten wird man sich 2011 strategisch ausrichten müssen.

Gesundheitspark Richtfest (4)Was heißt das konkret beziehungsweise vor welchen Herausforderungen steht die Stadt?
Sebastian Remelé: Ich möchte den Gesundheitspark weiter auf den Weg bringen, trotz des Bürgerentscheids am 16. Januar und die noch laufenden Gerichtsverfahren. Das zweite große Projekt wird die Hadergasse sein, verbunden mit dem Abriss des Parkhauses und Errichtung einer Tiefgarage. Strategisch müssen wir daran arbeiten, unsere Jugend noch besser auf das Berufsleben vorzubereiten. Ein wichtiges Anliegen ist mir die Betreuung der Hauptschüler. Diese Arbeit reicht bis in die Integration hinein. Das ist aber sicher eine Daueraufgabe, die sich nicht in einem Jahr lösen lässt.

OB-Jahresinterview 2010 (4)Welche Bereiche möchten Sie gerne in Ihrer Amtszeit verstärkt in den Fokus rücken?
Sebastian Remelé: Wir müssen versuchen, für junge Familien noch attraktiver zu werden. Es wird unser Ziel bleiben, jungen Familien genügend Wohnraum sowie ideale Bedingungen in Kindergärten, Kindertagesstätten und Schulen zu bieten. Konkret werden wir nächstes Jahr etwa 2,3 Millionen Euro in den Ausbau von Kinderkrippen investieren. Weiter möchte ich einen  intensiveren Kontakt mit der Jugend herstellen. An diesem Thema bin ich persönlich, aufgrund der Kinder, nah dran. Es gibt auch einen regen Austausch mit dem Stadtjugendring. Direkt ansprechbar bin ich seit kurzem auf meiner eigenen Facebook-Seite. Die ist sehr gut angelaufen, da kommen wöchentlich Anfragen und Anregungen.

OB-Jahresinterview 2010 (14)Gudrun Grieser hatte im letzten Jahresabschlussinterview erklärt, dass das OB-Amt „mit harter Arbeit verbunden ist, mit außerordentlichem Einsatz und persönlichem Verzicht“. Ihr Nachfolger dürfe „aber auch erleben, dass es mit viel Freude einhergeht“. Stimmt das so?
Sebastian Remelé: (schmunzelt) Das ist alles richtig. Es ist ein Amt, das einen viel stärker fordert als ein normaler Beruf. Auch die Schwierigkeit, zwischen Privatem und Beruflichem zu trennen, ist sicher größer geworden. Ein Beispiel: Wenn man sich in Schweinfurt aufhält, dann ist man eigentlich immer im Dienst, selbst wenn man nur zum Einkaufen geht. Natürlich steht jetzt auch meine Familie stärker im Fokus. Gerade wenn man Kinder hat, muss man versuchen eine vernünftige Balance zu finden: die Kinder einerseits möglichst fern halten von den Alltagsgeschäften, andererseits ihnen auch zeigen, was der Papa so macht. Kurz gesagt, Oberbürgermeister zu sein ist ein Vollzeit-Amt, was eben das Privatleben nicht ausspart.

Herr Remelé, wir danken Ihnen für das Gespräch

Das Interview führte Stefan Pfister

Fotos: Stefan Pfister

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Stadt Schweinfurt
Markt 1
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Tel: +49 (9721)51-0
Fax: +49 (9721)51-266
E-Mail: buergerservice@schweinfurt.de

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